Wigo
- Die Liebe stirbt zuletzt!
von
Marleen van Barneveld
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29
Unsere
Freunde fanden im Untersberg ein „Tor”, das sie in
eine „andere Welt” katapultierte. Hier redete
ein alter Mann aus einem Hologramm zu ihnen, der Professor
Rosebär an Moses erinnerte. Doch das Wundersame war damit
noch nicht zu Ende: An der gegenüberliegenden Wand bildete
sich danach ein weißer Punkt. Das pulsierende Licht an der
Wand wurde größer und größer...
Ein
weiterer Zugang öffnet sich
In
ihm erschien der weise alte Mann aus dem Säulenhologramm
und streckte ihnen die Hände entgegen. Lissa lief mit ausgebreiteten
Armen auf ihn zu. Plötzlich verschwand das Hologramm so
schnell wie es sich aufgebaut hatte. Lissa lies verstört
ihre Arme sinken und blieb wie angewurzelt stehen.
Da
öffneten sich ringsum die Wände und verschoben sich ineinander
und lösten sich vor ihren Augen in ein Nichts auf! Über
ihnen spannte sich kein Himmel, sondern eine Kuppel. Sie
war halbtransparent und gewährte einen trüben Blick auf
die angrenzenden Blumenfelder, dem See und dem weiter unten
liegenden Wald, der lang gestreckt in einer Bodensenke lag.
Am fernen Horizont konnte man die dünne Säule eines Turmes
sehen. Die Luft roch frisch, beinahe wie auf der Erde. In
diesem Moment sehnte sich Professor Rosa nach der Sonne.
Aber eine Sonne gab es hier nicht, nur dieses Licht, das
überall strahlte und man nicht wusste woher es kam, denn
man sah keine Quelle, die es aussandte.
Rosa
atmete ein paar Mal tief durch und sog die frische Luft
in seine Lungen. Der Boden vor ihnen war mit einer Art Moos
bewachsen. Ihre Blicke schweiften umher. „Ist dies
nun das Paradies von dem wir schon immer gehört und gelesen
haben?”, fragte Rosa verblüfft in die Stille hinein.
Keiner
war bis jetzt einen Schritt weiter gegangen. Aber ihre Augen
schweiften durch die herrliche Landschaft. Dort unten lag
eine Stadt. Eine Fahne hing aus einem Fenster, das konnte
man von hier aus deutlich erkennen. Und Geschäfte gab es
dort unten auch.
Dann
hörten sie das Geräusch zu ihrer linken, das sie aufschrecken
ließ. Rosa hob seine Taschenlampe hoch, sprungbereit sie
als Waffe zu benutzen. Bis zum Äußersten gespannt lauschten
sie, woher das Geräusch kam. Dann raschelte es unheimlich,
danach schoss ein Riesentier aus dem Gebüsch heraus, das
Ähnlichkeit hatte mit einem Elch. Das Tier schien zahm zu
sein. Und als es die Ankömmlinge einen Augenblick gemustert
hatte, ging es langsam weiter, ohne sich noch einmal umzudrehen.
”Cha”,
ächzte Rosa durch die Kehle. „Tier, hast du mich erschreckt.
Und meine Taschenlampe brennt auch noch.”
In
der unbekannten Stadt
Rosa
grinste erleichtert auf und ging ein paar Schritte vorwärts.
Auch die kleine Gruppe ging weiter und kam schließlich an
den Stadtrand. Der erste Mensch dieser Stadt kam ihnen entgegen.
Die Gruppe blieb stehen.
Luna,
die hinter Wigo und neben Andrea stand, musterte ganz ungeniert
den Mann, der vor ihnen stand. Er war schlank und hochgewachsen
und trug so etwas Ähnliches wie ein Poncho. Vorn war der
Mantel offen und oben am Hals hatte er nur einen Knopf,
der den Mantel geschlossen hielt. Ungewöhnlich an diesem
Mantel waren die vielen Glitzersteine. Sie funkelten in
verschiedenen Farben. Irgendeine Lichtquelle musste ihn
anstrahlen um dieses Phänomen erscheinen zu lassen. Aufmerksam
schaute Luna sich um und konnte nichts Außergewöhnliches
erkennen, das die Steine derart erstrahlen ließ.
Sein
Gesicht war von zarter Schönheit und er lächelte als er
näher zu ihnen heran kam.
”Nos
ta bin die ariba?”
Abwartend
blieb er stehen, und sprach lächelnd weiter: ”Wie
kon nos nota kontesta?”
Er
runzelte seine Stirn und ging dabei einige Schritte rückwärts.
Jetzt wurde es brenzlig. Wenn niemand ihm antworten würde,
dann...
Blitzschnell
überlegte Luna. Seine Worte klangen in etwa ähnlich wie
Spanisch. Die spanische Sprache beherrschte sie noch etwas.
Sie räusperte sich also und wollte eben einige Worte sagen,
da trat Cisko schon aus der Gruppe heraus und sagte:
”Warda.
Hiba nos...”
Weiter
kam Cisko nicht, denn der junge Mann kam wieder auf die
Gruppe zu und sagte:
”Nos
nota verwacht bichta. Sie mie ta kere ta kin bo snam ta.”
Er
strahlte sie an und machte eine einladende Verbeugung vor
ihnen. Dann drehte er sich um und ging ihnen voran. Ab und
zu drehte er sich um, zu sehen, ob sie ihm folgten.
Einige
Menschen, die auf der Strasse gingen, kümmerten sich nur
wenig um die fremden Ankömmlinge. Wahrscheinlich war das
ihre Höflichkeit, Fremde nicht zu mustern als kämen sie
aus einem Zoo, wie es mitunter auf der Welt dort oben geschieht,
dachte Luna.
Der
schlanke Mensch vor ihnen blieb an einem Torbogen stehen.
Er drehte sich zu den anderen um und machte eine einladende
Geste, bitte einzutreten.
Cisko
ging zuerst durch das Tor, dann folgten die anderen in angemessener
Weise. Sie kamen in einen wunderschönen Garten und mitten
darin stand ein Mensch, der ganz in weiß gekleidet war.
Cisko
ging mit offenen Armen auf ihn zu und sagte: „Mie
ta kere ku nos no ta binni overwacht?”
Der
Mensch in den weißen Kleidern breitete ebenso seine Arme
aus und ging Cisko entgegen: ”Nein, ganz und gar
nicht unwillkommen, lieber Freund!”
Seine
Augen strahlten pure Liebe aus. Er umarmte Cisko und küsste
ihn auf beide Wangen und dann auf dem Mund. Zu den anderen
sagte er mit derselben Herzlichkeit wie bei der Begrüßung:
”Bitte kommt! Tretet alle ein in mein Haus. Bitte!”
Er
blieb abwartend drei Schritte vor der Tür stehen und ließ
die anderen eintreten, danach ging auch er ins Haus.
Vor
ihnen lag eine große Halle. Die Schlichtheit des Raumes
war bestechend schön. Im Kamin brannte ein Licht, das Wärme
abgab ohne sich zu bewegen, wie man es vom Feuer sonst üblicherweise
kennt. Im Halbkreis saßen schon mehrere Personen, die anscheinend
auf die Neuankömmlinge warteten. An einer Wand hing eine
Karte der Äquatorregion.
Die
Stochastik – zufallsabhängige Ereignisse
Nach
einer kurzen Vorstellung sämtlicher Personen nahmen auch
die Gäste ihre Sessel ein. Ein etwas älterer Herr beugte
sich zu Rosa herüber und fragte ihn, was er von der Wahrscheinlichkeits-Mathematik
halten würde. Gerade hätten sie sich über dieses Thema unterhalten
und würden nun gerne auch mal wieder die Meinung eines irdischen
Menschen dazu hören.
Rosa,
sichtlich angetan, gleich der erste in der neuen Runde zu
sein, der sich äußern durfte, und das auch noch zu so einem
sehr interessanten Thema, lächelte seinen Nebenmann dankbar
an und sagte: „Verehrtester, die Stochastik ist mir
das liebste. Sie besteht aus zahlreichen Denkexperimenten
und das gefällt mir immer. Wenn ich mal diesen großen Raum
als Experiment nehmen darf und natürlich mit ihrer Erlaubnis
meinen Denkprozess imaginär ausbreiten dürfte?”
Abwartend
schaute der Professor in die Runde.
”Bitte
sehr, Herr Professor. Nur zu! Lassen sie ihren Gedanken
freien Lauf.”
”Also,
angenommen in dieser Halle gäbe es viele Türen, die jedoch
verschlossen sind und von unserer Seite aus nicht zu öffnen
wären. Des Weiteren steht in diesem Raum eine große tiefe
Schale, und vor dem Kamin liegen blaue und rote Kugeln.
Gegen
Abend nun, bevor wir ins Bett gehen, legen wir alle Kugeln
in die große tiefe Schale. Am anderen Morgen schauen wir
in diese Schale und da liegen alle roten Kugeln wie sortiert
obenauf.
Jetzt
werden wir misstrauisch. Sollte sich jemand von draußen
hereingeschlichen haben und alle roten Kugeln obenauf gelegt
haben? Oder steckt tatsächlich eine eigenständige Intelligenz
in den Kugeln, dass sie sich selber so angeordnet haben
wie ich sie vorgefunden habe?
Sehen
Sie, meine Herren, ich glaube dass diese Möglichkeit nicht
besteht, sondern dass eine unsichtbare Intelligenz die roten
Kugeln auf die blauen gelegt hat. In diesem Falle möchte
ich behaupten, dass die Wahrscheinlichkeits-Mathematik auf
die Zukunftsvoraussage nicht anwendbar ist.
Leider
ist es wie mit der Lotterie. Auch dort gibt es Millionen
verschiene Möglichkeiten um zu einem 6-er zu kommen. Ich
nehme an, dass sie darauf hinaus wollten mit ihrer Frage.”
”Ja,
schon. Aber es war keine Prüfung im Sinne ihres Intelligenznachweises
für uns.”
”Oh,
nein. So habe ich es auch nicht aufgefasst”, erwiderte
Rosa, und griff zur Limonade, die ihm ein junger Mann auf
einem Tablett reichte. Als jeder sein Glas in der Hand hatte,
setzte sich auch der junge Mann in seinen Sessel gegenüber
von Andrea. Er trug ein safranfarbenes Gewand. Er war nicht
viel größer als ein etwa 14jähriges, schlankes Mädchen aus
der irdischen Welt. Er hatte ein dunkles, schmales und kleines
Gesicht mit großen hellblauen Augen, die in dem kleinen
Gesicht noch größer wirkten. Sein Haar war fast so hell
wie das Licht das aus dem Kamin strahlte.
Er
hob sein Glas und prostete ihr zu. Um seine Lippen spielte
ein schönes Lächeln und seine Augen versanken in ihre. Ein
plötzliches Verlangen durchströmte sie, ließ sie fast ohnmächtig
werden. Verwirrt fuhr sich Andrea mit der Hand über die
Stirn als wollte sie diesen Gedanken schnell weg wischen.
Sie
dachte, sie hätte dieses Gefühl längst vergessen, dass dieses
Feuer der Liebe in ihr im Laufe der letzten Jahre erloschen
war. Und doch erweckten seine sanften Augen und das Strahlen
in ihnen eine heftige Leidenschaft in ihr hervor. „Er
will mich”, dachte sie.
In
kleinen Schlückchen trank sie von ihrer Limonade und schaute
unablässig zu ihm hinüber. Und auch er blickte sie weiterhin
tiefgründig an. Dann stand er auf, verbeugte sich leicht
vor ihr und sagte: ”Wollen Sie mich in den Hof
meines Bruders begleiten, Andrea?”
Sie
nickte ihm unmerklich zu. Er reichte ihr seine Hand. Sie
stand auf und legte ihre Hand auf seine. Dann führte er
sie galant hinaus.
Fortsetzung
zu Folge 30