Wigo
- Die Liebe stirbt zuletzt!
von
Marleen van Barneveld
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Folge
26
Unsere
Freunde sind noch in Österreich. Cisko, der geheimnisvolle
Fahrer, der unsere Freunde mitgenommen hatte, begleitet
sie bei einer Exkursion zum sagenumwobenen Untersberg. Für
Wigo scheint das Abenteuer diesmal tragischer zu enden,
das keiner der Beteiligten vorausahnen konnte...
Wigo’s
Schwester kommt zu Besuch
Wigo
lauschte in den Hörer. „O.K., ich kümmere mich darum!“
„Na,
was ist“, wollte Cisko wissen.
„Meine
Schwester Andrea steht am Bahnhof.“
„O.K.,
holen wir sie ab!“
„Wir
kommen alle mit!“
„Nee,
soviel Platz haben wir doch gar nicht im Auto“, wehrte Wigo
ab.
„Dann
bleiben wir hier“, entschied Rosa und zwinkerte Lissa vergnügt
zu.
Die
Fahrt zum Bahnhof verlief ohne Zwischenfälle. Wigo’s Schwester
war ihnen schon entgegen gekommen und wartete sitzend auf
ihrem Koffer am Bahnhofeingang. Sie sah die Drei schon aus
der Ferne und winkte ihnen zu.
Luna
gab ihr die Hand und hieß sie herzlich willkommen. Wigo
sagte kurz: „Hello!“ Sie lächelte alle herzlich an. Cisko
ging auf sie zu und drückte sie kameradschaftlich an sich.
„Schön,
dass wir uns kennenlernen, Andrea!“ Sie nickte und sah ihn
beinahe schüchtern an. „Tut mir leid, wenn ich zu einem
ungünstigen Zeitpunkt hereinplatze, aber ich habe Wigo’s
Nachricht zu spät bekommen. „Das macht doch nichts, Andrea“,
sagte Cisko und lächelte sie an.
„Ja,
Danke! Die Fahrt war sehr schön. Ich hatte sogar einen Verehrer.
Er stieg allerdings erst in München zu. Aber er war sehr
charmant und wir unterhielten uns angeregt. Man findet ja
so wenige Gesprächspartner, die sich auch noch für dieselben
Themen interessieren.“
Die
„Männer in Schwarz“ geben nicht auf
„Hatten
Sie wenigstens eine schöne Fahrt hierher?“, fragte Andrea.
„Ja,
damit haben Sie wohl recht“, antwortete Cisko. Und während
Andrea munter drauflos plapperte, beschlich Wigo ein seltsames
Gefühl. Plötzlich verspürte er eine Gänsehaut, die sich
über seinem Rücken hochzog, um dann im Nacken zu explodieren.
Er fühlte sich von hinten beobachtet, bedroht von etwas,
das er nur erahnte.
Unwillkürlich
drehte er sich um, wobei sein Blick über eine Reihe parkender
Autos auf der gegenüberliegenden Straßenseite fiel. Er suchte
blitzschnell die Reihen mit seinen Augen ab. Dann heftete
sich sein Blick auf einen alten schwarzen Mercedes, Baujahr
1940, mit verdunkelten Scheiben.
Wie
aus weiter Ferne hörte er die Stimme Ciskos: „Darf ich Ihnen
den Koffer zum Auto tragen, liebe Andrea?“
„Kommt
gar nicht in Frage“, meldete sich Wigo zurück. „Den Koffer
meiner Schwester trage ich!“
„Hubs“,
ächzte Wigo, „hast du da Steine drin?“
„Nein,
wie kommst du nur darauf?“, sagte sie mit Unschuldsmiene.
„Ich habe ihn doch auch getragen.“ Er setzte den Koffer
wieder ab.
„Darf
ich?“, fragte Cisko.
„Nur
zu“, sagte Wigo.
„Cisko
hob Andreas Koffer hoch als wäre er nur mit Federn voll
gepackt und steckte ihn in den Kofferraum. Wigo folgte beiden
stirnrunzelnd.
„So
nachdenklich Wigo? Ist irgendwas?“
„Eigentlich
nicht, nur, ich würde gerne zurückfahren, wenn es dir nichts
ausmacht.“
„Natürlich“,
sagte Cisko und gab ihm den Autoschlüssel.
Wigo
warf beim Einsteigen ins Auto einen letzten Blick auf den
schwarzen Mercedes. Dann setzte er sich auf den Fahrersitz
und klappte die Autotür zu. Er legte den ersten Gang ein
und fuhr zügig an.
Im
Rückspiegel sah er, wie sich der schwarze Benz ebenfalls
in Bewegung setzte und langsam Fahrt aufnahm. „Ich muss
ihn abhängen“, dachte Wigo, „bevor die Spitz kriegen wo
wir wohnen. Vielleicht hat es auch keinen Sinn mehr, da
ja meine Schwester eine ’tolle Zugbekanntschaft’ gemacht
hat.“ Er lachte grimmig auf.
Bestimmt
war die Bekanntschaft nicht zufällig gewesen, sondern arrangiert.
„Egal“, dachte er, „ich werde ihnen jedenfalls nicht den
Weg zu uns nach Hause zeigen wie ein angeheuerter Scout
im unwegsamen Dschungel.“ Verbissen runzelte er die Stirn.
„Ich
muss ihn also abhängen, bevor wir den Stadtrand erreicht
haben. Wigo bog rechts in die nächste Strasse ein. „He Wigo,
du fährst gerade auf einer Einbahnstrasse!“ Irritiert schaute
ihn Luna von der Seite an.
„Ich
weiß Luna, mach dir bitte darum keine Sorgen, denn ich weiß
schon was ich tue!“
„Bitte,
wie du meinst!“
Nach
hundert Metern Fahrt kam ihnen auch schon das erste Fahrzeug
entgegen. Der Fahrer hinterm Lenker gab wilde Lichtsignale
und tippte sich an die Stirn als sie auf gleicher Höhe waren.
Wigo fuhr stur weiter und bog dann endlich nach links ab.
„Den
Benz habe ich jedenfalls abgehängt“, dachte er erleichtert.
Das heißt, er war jetzt mal nicht mehr zu sehen. Weder hinter
ihnen noch vor ihnen.
Wigo
schaltete das Autoradio ein. Bach’s Air kam durch die Boxen.
„Ja, genau diese Musik brauche ich um meine strapazierten
Nerven zu beruhigen“, sinnierte er. Eine Viertelstunde später
hielten sie vor dem Haus von Cisko.
Der
Untersberg
Andrea
hatte nach ihrer Ankunft ein paar Stunden geschlafen. Heute
wollten sie aufbrechen den geheimnisvollen Untersberg zu
erforschen. Jeder Teilnehmer durfte nur einen kleinen Rucksack
auf diese Expedition mitnehmen. Der Einstieg sollte diesmal
weiter unten stattfinden.
Es
dämmerte bereits als Rosa der erste war, der sich durch
den schmalen Spalt in die Höhle zwängte. Keiner würde es
sich jemals erträumen, was er auf dieser Expedition erleben
würde. Man sagt ja, dass Träume Schäume sind, aber diese
Träume würden Wirklichkeit werden, eine Wirklichkeit, vor
die manch einer zurückschrecken würde, könnte er das Ausmaß
nur erahnen.
Vorsichtig
streckte er beide Arme aus und tastete sich nach vorn. So
nach und nach kamen alle durch die Felsspalte rein. Wigo
knipste seine große Taschenlampe an und leuchtete den Raum
aus. Dort drüben ging es wahrscheinlich in einem anderen
Gang weiter. Er ging ein paar Schritte in die Richtung und
kam dann aber zurück.
„War
da kein Gang?“, fragte Rosa. „Doch schon, aber er ist niedrig.
Man kann nicht in ihm stehen“, erwiderte er. Der Gedanke,
dass er eventuell Hunderte von Metern durch diesen Gang
gebückt gehen musste, behagte ihm gar nicht.
Cisko
rief alle zu sich. Sie bildeten einen Kreis und er sprach
ein Gebet. Danach ging er allen voran und betrat als erster
den niedrigen Gang.
Nach
einer Weile schon mussten sie auf die Knie gehen und sich
mit den Ellenbogen den Weg nach vorne robben. Der Gedanke,
sich immer tiefer in die unbekannte Enge zu bewegen, machte
Rosa ernsthafte Kopfzerbrechen. Nein, nicht wegen sich selbst,
sondern wegen Lissa, die nicht so zart gebaut war wie Luna.
Jetzt
ging es auch noch bergab und der Schacht wurde enger. Leichte
Panik verspürte er in seiner Magengegend. Keuchend robbte
er weiter. „Alles nur Einbildung. Mir geht es glänzend.
Mir geht es ganz wunderbar!“ Und er sagte sich die fünf
letzten Worte immer wieder auf.
Dann
verspürte er zum ersten Mal einen kalten Luftzug. „Geschafft“,
schoss es ihm durch den Kopf. Dann ein Aufatmen. Der Gang
war zu Ende, eine mittelgroße Höhle war vor ihren Augen.
„Wir
gehen weiter“, sagte Cisko. Und während alle weitergingen,
blieben Wigo und Andrea stehen. Er hob seine Taschenlampe
zur Decke. Oben hingen mehrere Gebilde, die wie Kohlensäcke
aussahen. „Vielleicht sind es Kokons?“ Ihre Stimme klang
etwas zögernd und abgeflacht.
„Ich
habe das dunkle Gefühl“, rätselte Wigo „als wenn da etwas
Großes drin ist. Ein Mensch vielleicht?“
„Ein
Mensch?!“, schrie Andrea erschrocken auf. „Das ist ja unheimlich!
Oh Gott, lass’ uns schnell weg hier!“
„Warte
doch. Warum hast du es so eilig? So ein fremdartiges Phänomen
werden wir sobald nicht wieder zu Gesicht bekommen.“
Er
hielt immer noch die Taschenlampe auf das schwarze Ding.
„Da sieht man doch gar nichts, komm lass’ uns weitergehen.“
Und sie zog ihn kräftig am Ärmel mit sich.
Aus
dem Augenwinkel heraus sah er einen großen Schatten auf
sich zukommen. Er wirbelte herum und schrie vor Schreck
laut auf. Eine Riesenspinne war aus einer Deckenhöhle herausgekommen
und bewegte sich auf den Kokon zu.
Sie
verharrte da und sah Wigo wie hypnotisiert an. Ihre stechenden
Augen starrten ihn angriffslustig an. Dann schoss sie unerwartet
ihren klebrigen Strahl mitten in sein Gesicht. Und gleich
darauf folgte ein zweiter.
„Aaaaah“,
er schrie auf. Sprang zurück und fuchtelte wild mit den
Armen. „Hilf mir, Andrea!“
Wigo’s
Atem ging schleppend. Dann sackte er zusammen. Er lag totenstill
da. Nur sein Brustkorb hob und senkte sich schwach. Andrea
stürzte sich auf Wigo und half ihm die klebrige Masse von
seinem Gesicht zu zerren. Sie hatte Mühe damit.
„Wigo“,
sagte Andrea sanft, „ich bin bei dir, ich helfe dir, bleib’
stark. Ich habe es gleich geschafft.“ Dann erstarrte Andrea
in ihrer Bewegung. Die Riesenspinne stand keine zwei Meter
von ihr entfernt in eine bedrohlichen und abwartende Haltung.
Andrea
starrte entsetzt das Ding an. Es hatte Schuppen wie ein
Drachen und eine dunkelgrüne Farbe, wobei die Bauchseite
etwas heller wirkte. Die Spinne verharrte in ihrer Haltung
und Andrea konnte ihre Augen nicht von diesem ’Vieh’ abwenden.
Plötzlich
ging die Spinne rückwärts und verschwand ganz aus ihrem
Blickfeld. „Wir sollten zusammen bleiben“, hörte sie die
Stimme Cisko’s.
Inzwischen
waren Luna und Rosa auch bei den dreien erschienen, und
sahen wie Wigo am Boden lag. Sein Gesicht war durch die
klebrige Spinnenmasse gerötet und aufgeschwollen. Rosa konnte
es sich nicht verkneifen zu sagen: „In Berlin sind wir diesmal
nicht, Wigo!“
„Wer
konnte das auch ahnen, dass es hier so etwas gibt“, entschuldigte
sich Luna. „Keiner konnte so etwas ahnen“, erwiderte der
Professor.
Fortsetzung
folgt