Wigo
- Die Liebe stirbt zuletzt!
von
Marleen van Barneveld
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Folge 26)
Ein
etwas seltsamer Fahrer mit Namen Cisko hatte die Großzügigkeit,
unsere Freunde in seinem Wagen nach Österreich mitzunehmen.
Cisko schien mehr zu wissen als er sagte. Er führte unsere
Freunde auch an alte geschichtsträchtige Orte, die wohl
ebenso noch ein Geheimnis in sich trugen wie Cisko selbst.
Eine gleichfalls seltsame und geheimnisvolle Geschichte
las er dann eines Tages den erstaunten Zuhörern vor aus
einem alten Büchlein, das er überraschend aus seiner Jackentasche
zog...
„Brrrr,
ist mir kalt“, wisperte Rosebär. „Kannst Du nicht ein bisschen
schneller die Tür aufschließen, Cisko? Ui, ich frier mir
gleich einen Ast ab.“ Endlich hatte Cisko die Tür aufgeschlossen.
Er gab ihr dann einen Tritt und sie flog sperrangelweit
auf.
Rosebär
hatte seine Arme über kreuz um seinen gebückten Oberkörper
geschlungen und lief wie ein Wiesel den Korridor entlang.
„Nur rein in die gute Stube“, dachte er, „ach nee, besser
ist, ich sause lieber in die Küche und mache mir einen starken
Grog.“ Er grinste in sich hinein und dachte, dass das auch
nur wieder ein Wunschtraum von ihm wäre, denn in Cisko’s
Flaschenregal gibt es ja so was nicht, „hihi“. „Man kann
doch mal einen Wunschtraum haben“, nuschelte er vor sich
hin. Und schon war er dabei den Wasserkocher anzustellen.
Dann ging er zum Schrank, holte die Citropresse heraus und
stellte sie auf den Tisch.
„Was
soll’s“, grinste er, „heißer Zitronensaft mit viel Honig
ist auch ganz schön.“ Der Wasserkocher piepte kurz. Rosebär
nahm die Kanne und füllte sein Glas auf und ging aus der
Küche den Flur runter.
„Und
jetzt an den warmen Ofen... Eigenartig, wie merkwürdig still
es ist hier unten!“
Der
Professor drückte langsam die Klinke herunter und war schon
mit einem Fuß im Zimmer, als plötzlich das Licht von der
Deckenleuchte aufflammte.
„Überraschung!“
Wigo
ging auf den Professor zu, umarmte ihn freundschaftlich
und sagte zu ihm: „Schön, Dich wiederzusehen, Rosa. Schau’
her, ich habe Dir eine Überraschung mitgebracht!“
Rosa
traute seinen Augen nicht als er Lissa erblickte. Sie war
noch genauso schön wie am ersten Tag als er sie in dem Motel
kennen gelernt hatte. Seine Traurigkeit, die er bis zuletzt
in sich trug, war weggeblasen wie eine Feder die vom aufschütteln
eines Gänsegewandes langsam zu Boden trudelte.
Sie
ging auf ihn zu und sah ihn zärtlich an: „Bist Du mir noch
böse, Rosa?“ Man konnte sehen, dass es ihm sichtlich peinlich
war jetzt eine Antwort auf ihre Frage zu geben, wo doch
alle dabei waren. Natürlich war er ihr nicht böse. Ganz
im Gegenteil, er war heilfroh sie wieder zu haben.
Erleichtert
und mit einem verschmitzten Lächeln auf seinen Lippen sagte
er: „Aber wenn Du das nächste mal wieder so plötzlich abreist,
dann nimm mich lieber gleich mit.“ Sie strahlte ihn an und
fiel ihm um den Hals. Leise flüsterte sie ihm ins Ohr, dass
sie das gerne tun wird.
„Sachte,
sachte, mein Püppchen“, sagte er schelmisch und strich ihr
zärtlich über das schwarze Haar, das sie jetzt offen trug.
Er nahm ihre Hand in seine und führte sie zu einem freien
Sessel. Dann nahm auch er auf dem Sofa Platz, wo die anderen
schon saßen.
„Wigo,
alter Junge! Heute hast Du mir eine sehr große Freude bereitet,
das werde ich Dir nie vergessen!“
„Ich
nehm’ Dich beim Wort, Rosa.“
„Kannst
Du auch!“
„Wie
war denn euer Ausflug heute am Abend am Untersberg“, wollte
Wigo wissen.
„Ach,
das war nichts. Ich hätte auf Luna hören sollen. Das einzige
das bemerkenswert war, wir wurden beobachtet.“
„Ja?!
Von wem denn? Hast Du etwas erkennen können?“, fragte Wigo
interessiert.
„Nein,
nicht wirklich. Nur eine schemenhafte Gestalt, die sich
hinter den Büschen versteckt hielt.“
„Ach
so“, sagte der Jüngere.
„Was
ist denn so interessant an diesem Berg?, fragte Lissa in
die Runde hinein.
„Mögen
Sie Geschichten, Lissa?“ Cisko hatte sich zu Wort gemeldet.
„Ja!“,
antwortete sie ihm lächelnd. „Ich liebe Geschichten, geheimnisvolle
Geschichten am meisten, Cisko.“ Die letzten fünf Worte sprach
sie mit einer gewissen Betonung aus.
„Sehr
gut, Lissa“, meinte er und holte ein kleines Büchlein aus
seiner Jackentasche heraus. „Ich werde Ihnen jetzt eine
fantastische Geschichte vorlesen.“ Entspannt lehnte sie
sich im Sessel zurück und lauschte seiner Stimme.
Im
ersten Moment beschlich ihr ein Gefühl der Vertrautheit,
aber dann schalt sie sich eine Närrin. Woher in Gottes Namen
sollte sie Cisko kennen? Sie schloss ihre Augen, und folgte
bildhaft den Worten des Erzählers:
Es
fuhr im Jahr 1694 ein Fuhrmann mit einem mit Wein beladenen
Wagen aus Tirol nach Hallein. Der Ort ist 3 Stunden von
der Hauptstadt Salzburg entfernt, um den Wein dort zu verkaufen.
Als er neben St. Leonhard bei der Almbrucken zu Niederalm,
einem Dorf bei dem Wunderberg, gefahren war, ging ein Bergmännlein
von diesem Berg hervor und fragte den Fuhrmann, woher er
kommt, und was er da auf dem Wagen fährt. Der Fuhrmann sagte
es ihm.
Da
sprach das Bergmännlein: „Fahre mit mir, ich will Dich gut
entlohnen. Ich gebe Dir viel mehr für den Wein als Du in
Hallein dafür bekommen wirst.“ Der Fuhrmann aber wollte
dies nicht tun, sondern erwiderte, dass er den Wein an denjenigen
liefern müsse, der ihn bestellt habe. Da nun das Bergmännlein
wahrnahm, dass der Fuhrmann nicht mitfahren wollte, so stürzte
das Bergmännlein sich plötzlich auf die Mähne der Pferde,
und sprach:
„Fuhrmann!
Weil Du nicht mitfahren willst, so sollst Du nicht wissen,
wo Du bist; ich will Dich so führen, das Du Dich nicht mehr
auskennen sollst!“ Der Fuhrmann bekam nun Angst und wusste
sich nicht zu helfen; doch besann er sich, und hielt es
dann doch für besser, einer zweifelhaften Sache nachzugeben.
Er fährt deswegen mit dem Männlein, und dieses führt das
Pferd fleißig beim Zaum gegen den Wunderberg zu. Da sie
näher dem Berg zukommen, schien es dem Fuhrmann, als sei
er auf einer ganz neu gemachten Straße; und als sie auf
dem Berg waren, überfiel den Fuhrmann ein Schlaf; und als
er wieder erwachte, sah er ein schönes Schloss, das von
rot und weißem Marmor sehr hoch gebaut war, in dessen Mitte
ein vortrefflich mit Kupfer gedeckter hoher Turm stand und
die Fenster waren von purem Kristall. Um das Schloss herum
war ein breiter und tiefer Graben. Außerhalb war eine Mauer,
90 Meter hoch und 30 Meter dick. Dieses Schloss selbst aber
stand auf einem Felsen. Bevor man zu dem Schloss kommen
konnte, musste man über sieben Aufzugbrücken durch mehrere
Tore und Schutzgitter gehen.
In
dieses Schloss musste der Fuhrmann hineinfahren. Sobald
ihn aber ein Diener sah, der von einem Fenster dieses Schlosses
herabsah, sagte er es sogleich allen anderen in dem Schloss,
welche dann zu allen Fenstern liefen, als hätten sie Freude
daran, den Fuhrmann zu sehen.
Diese
waren lauter Bergmännlein, einige waren nackt und andere
bekleidet. Einige kamen sogar auf den Schlossplatz vor das
Schloss heraus, besonders der Kellermeister, der ein etwas
stärkeres Männlein war. An seiner Schürze baumelten viele
Schlüssel. Sein langer großer Bart hing über seinen Bauch,
auch sein Haar rechte ihm bis zur Taille. Dieser Kellermeister
sprach:
„Willkommen,
mein lieber Fuhrmann! Sei nicht traurig, ich werde Dir zu
essen und zu trinken geben, was Dir gefallen wird“. Aber
der Fuhrmann zitterte immer noch an allen Glidern, obwohl
die Worte des Männleins doch so nett waren.
Als
sie in die Mitte des Hofes hineinkamen, kamen eilig die
Pferdeknechte hervor und spannten die Pferde aus und führten
sie in den Stall zum Füttern. Die anderen Bergmännlein aber
führten den Fuhrmann in den untern Teil des Schlosses in
ein lichtes Gemach, gaben ihm zu essen und zu trinken, so
viel er ertragen konnte, und alles in feinen und sehr wohlgeputzten
zinnernen Geschirren. Ungeachtet alles dessen, wollte er
doch nicht fröhlich sein, weil er nicht wusste, was dieses
wunderliche Ereignis mit ihm und seinem Wein für einen Ausgang
nehmen würde. Als er eine Zeitlang gegessen und getrunken
hatte, befahlen sie ihm, mit ihnen zu gehen, sie wollten
ihm alle Gemächer des Schlosses zeigen.
Der
Fuhrmann wäre zwar lieber an seinem Ort geblieben, um auch
nach seinem Pferd zu sehen; weil er sich aber nichts zu
erwähnen getraute, so ging er mit ihnen. Da führten sie
ihn über eine breite Treppe hinauf, die 25 mit Messing beschlagene
Stufen hatte. Dann kamen sie in einen prachtvollen Saal,
in dem die Wände mit sehr schönen Tapeten bedeckt waren.
Darinnen waren Fenster 9 Meter hoch und 7 Meter breit, aber
nicht verglast. Durch diesen Saal führten sie ihn in einen
anderen Saal, der noch viel herrlicher und schöner war als
der erste, und der war mit kostbaren Marmor gepflastert,
und die Seitenwände waren nicht mit Tapeten bedeckt, wie
in dem ersten Raum, sondern vom klarsten Gold. Die Fenster
waren von Kristall, über ihm war die Decke ebenfalls mit
Gold und in der Mitte des Saales standen vier von Metall
gegossene fein gearbeitete große Riesen, 54 Meter hoch.
Diese Riesen hatten große goldene Ketten an ihren Armen,
als ob sie gefangen wären. Oben an der Mitte der Decke war
ein geformtes Bergmännlein mit einer goldenen Krone, welches
die Riesen gleichsam geschlossen hielt; und da der Fuhrmann
diese vier Riesen eine Zeitlang betrachtet hatte, sagte
das Bergmännlein zu ihm:
„Fuhrmann,
verstehst Du nicht, was diese 4 Riesen samt dem Bergmännlein
mit der Krone für die künftigen Zeiten bedeuten sollen?“
Der
Fuhrmann meinte, er wisse es nicht. Und auch das Bergmännlein,
das ihn gefragt hatte, verlor darüber kein weiteres Wort
mehr. Im ganzen Saal hingen lauter Harnische, Pickelhauben,
Schwerter, unbekannte Geschosse, und alles mit Gold reich
verziert. Auch reich verzierte Tische und Stühle standen
herum von denen sich der Fuhrmann nicht auskennen konnte,
ob solche von Holz, Stein oder was sonst für eine Materie
sie sein sollten, doch sah er, dass sie mit Gold und Edelsteinen
kostbar verziert waren. Aus diesem Saal führten sie den
Fuhrmann in einen weiteren Raum, der nicht weniger prächtig
und schön verziert war. Es standen in diesem Saal überaus
schöne Bettgestelle mit glänzendem feinsten Gold geziert,
und oben auf den vier Ecken der Bettstelle standen 4 Knöpfe,
welche der Fuhrmann ebenfalls nicht erkennen konnte, von
welchem Material sie waren. An diesen Knöpfen hingen goldene
Ketten.
Von
dem dritten Saal nun führten die Bergmännlein den Fuhrmann
in ein finsteres Gewölbe, das jedoch ganz sauber war. In
diesem Gewölbe befand sich ein Loch, das 15cm breit war.
Durch dieses befahlen sie dem Fuhrmann ein wenig durchzuschauen.
Als er dadurch sah, da sah er über fünfzig kleine Mägdlein,
von denen einige hübsche Gewänder trugen und andere ganz
nackt waren. Nach einem kurzen Augenblick zogen die Bergmännlein
ihn wieder vom Loch zurück. Danach musste er mit ihnen über
eine Stiege hinunter in einen wohlgebauten Keller gehen,
wovon er kein Ende sehen konnte und der mit Weinfässern
voll angefüllt war. Von diesem Keller aus ging er mit ihnen
in ein hohes Gewölbe. Darin stand ein großer runder Tisch.
An diesem setzte sich ein Bergmännlein, zog einen großen
Beutel mit Geld heraus und gab dem Fuhrmann für den mitgebrachten
Wein 2160 Gold-Dukaten, und zwar mit dem höflichen Dank
und mit diesen Worten:
„Hebe
Dein Geld auf, kaufe Dir von diesem einen andern Wein. Du
wirst mit diesem Geld in Deinem ganzen Leben Wein und alles
was Dein Herz begehrt kaufen können, und es wird Dir glücklich
gelingen.“
Nach
diesen Worten gingen sie wieder in den Schlosshof hinunter.
Die Bergmännlein spannten seine Pferde wiederum ein, nahmen
einen Stein, der rot und blau strahlte, und machten damit
dem Fuhrmann sein blindes Pferd sehend. Sie gaben ihm auch
diesen Stein mit dem Auftrag, dass er damit auch anderen
blinden Pferden armer Bauersleute helfen sollte.
Demnach
begaben sich die Bergmännlein alle in ihr Schloss zurück,
und es kamen alsbald drei andere hervor. Sie trugen schwarze
Kleider, einen grünsamtenen Hut, die rote Federn darauf
hatten. Diese sagten zum Fuhrmann:
„Du
hast es gut gemacht, uns den Wein zu verkaufen. Ermahne
auch Deinen Bruder, dass er verkauft, mit was ihn Gott zum
Überfluss gesegnet hat.“
Dann
begleiteten sie den Fuhrmann eine ganze Strecke auf seinem
Weg, und sagten ihm zuletzt: „Da man anfangen wird, weiß
und rote Hüte zu tragen, wird die Not aller Orten ihren
Anfang nehmen, und der Segen Gottes sich wenden nach dem
Leben der Menschen.“
Alsbald
fuhr der Fuhrmann voller Erstaunen und Verwunderung seinen
Weg im Frieden weiter, unwissend, wie er herausgekommen
ist, indem er sich mit seinem Fuhrwerk plötzlich an dem
Ort wiedergesehen hat, wo er das Bergmännlein zum ersten
Mal sah.
Die
2160 Gold-Dukaten sind dem Fuhrmann nie mehr und nie weniger
geworden. Und er hielt sein Versprechen diese wunderlichen
Geheimnisse und Erscheinungen alle bei sich zu behalten,
bis nahe an seinen Tod. Seine Bekannten und Freunde aber
ermahnte er, stets freigebig anderen gegenüber zu sein und
einen gottesfürchtigen Lebenswandel zu führen...
„Ja,
das war wirklich eine geheimnisvolle Geschichte, Cisko.“
„Kinder“,
rief der Professor, ich bin redlich müde. Er stand auf und
reckte sich in die Höhe. „Ich gehe ins Bett, Freunde. Morgen
kommt wieder ein Tag, der uns hoffentlich etwas Gutes bringt.“
Er gähnte laut hinter vorgehaltener Hand und machte sich
auf den Weg zur Tür. Die Klinke schon in der Hand, drehte
er sich um und fragte Lissa, ob sie mitkommen wollte.
Sie
strahlte übers ganze Gesicht bei seinen Worten, erhob sich
und ging mit ihm zusammen hinaus.
Fortsetzung
folgt